Breaking Bad – oder: Wie nutzt ein Cannabispatient seinen Masterabschluss in Biologie im Alltag?

Gestern hat mir ein treuer Leser dieses Blogs einen Gastbeitrag zukommen lassen, den ich sehr interessant finde und Euch keinesfalls vorenthalten möchte. Ich muss dazu sagen, dass der Verfasser des Artikels Cannabispatient ist und eine Ausnahmegenehmigung von der Bundesopiumstelle besitzt und diesen Text speziell für andere Cannabispatienten mit Ausnahmegenehmigung geschrieben hat. Vielen Dank Przepo!
Für alle anderen Leser dieses Blogs gilt: NICHT NACHMACHEN!!! Bitte beachtet die Gesetze in Eurem Land!

Als Cannabispatient bin ich nun bereits seit längerem auf der Suche nach einer geeigneten Konsumform für all jene, die ihren Cannabis weder rauchen noch verdampfen möchten oder können. Daher landete ich zwangsläufig bei der enteralen (d.h. oralen) Aufnahme meines Medikamentes (Konzepte zur intravenösen oder rektalen Applikation habe ich verworfen). Da jedoch sowohl Dosierbarkeit wie auch Wirkungsgrad z.B. beim Backen deutlich schlechter sind als bei inhalativer Aufnahme von Cannabinoiden kam mir (inspiriert von einem ähnlichen Fertigprodukt) die Idee, Tetrahydrocannabinol sowie andere Cannabinoide mit einem alkoholischen Kaltauszug wasserlöslich und damit trinkbar zu machen.

<strong>Abbildung 1</strong>: Notwendige Materialien

Abbildung 1: Notwendige Materialien

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine Anleitung zur Durchführung eines solchen Kaltauszuges; diese wurde von mir bereits einige Male erprobt bzw. im Hinblick auf die Zusammensetzung verbessert. Der Wirkungsgrad der Tinktur ist sehr hoch, in Vergleichsreihen mit dem (sehr teuren) Fertigprodukt ist die Wirkung etwas stärker, zudem ist der Geschmack deutlich besser. Ich werde versuchen, nicht nur eine Anleitung im Sinne eines „Kochrezeptes“ zu geben, sondern auch die zugrunde liegenden Wirkmechanismen und pharmakokinetischen Prozesse für den interessierten Laien zu erläutern.

Die Vor- und Nachteile der oralen Aufnahme sind bereits an anderer Stelle vielfach diskutiert worden, meines Erachtens eignet sich die enterale Cannabisaufnahme vor allem für Personen, die auf die medizinische Wirkung über einen längeren Zeitraum angewiesen sind. Zudem unterscheidet sich der Charakter der pharmakologischen Wirkung von der entsprechenden Wirkung bei inhalativer Zufuhr von Cannabinoiden.

Um zu beginnen brauchen wir (siehe Abbildung 1):

• 5g Cannabis (hier Bedrocan), je hochwertiger die Qualität des Ausgangsmaterials, desto höher die Ergebnisqualität.
• Reinen Ethylalkohol (Ethanol, C2H5OH), unvergällt. Diesen bekommt man z.B. in der Apotheke. Lasst euch nicht vom Apotheker die Brandweinsteuer in Rechnung stellen, diese zahlt der Apotheker selbst ebenfalls nicht. Eine gute Alternative ist PrimaSprit 96%. Kostenpunkt: ca. 5€.
• Sojalecithin. Dieses ist ebenfalls in der Apotheke zu bestellen. Kostenpunkt: ca. 8-10€
• Polysorbat 80. Wieder in der Apotheke oder im Internet zu bestellen. Kostenpunkt: ca. 5 €
• Sesamöl. Alternativ gehen auch andere Öle mit geringem Eigengeschmack. Ich greife auf Sesamöl zurück, da dieses sowohl in einem Fertigprodukt namens Lecithol wie auch in Marinol als Trägersubstanz für THC genutzt wird.
• Eine Auflaufform sowie einen Backofen
• Eine Feinwaage
• Eine Mühle, um den Cannabis zu zerkleinern
• Einen Auffangbehälter mit Haarsieb
• Eine leere Pipettenflasche mit Schraubverschluss

<strong>Abbildung 2</strong>: E 322 & E 433

Abbildung 2: E 322 & E 433

Die Zusammensetzung des Extrakts begründet sich wie folgt: THC sowie andere Cannabinoide sind kaum löslich in Wasser, dafür aber teillöslich in Alkoholen sowie gut löslich in Fetten. Mittels des Alkohols und des Sesamöls lassen sich daher Cannabinoide aus dem Pflanzenmaterial lösen und binden. Da Öl und Alkohol sich jedoch kaum mischen lassen und um die Stabilität der Lösung zu erhöhen sowie die pharmakokinetischen Eigenschaften zu verbessern benötigen wir einige Zusätze. Dies ist zum einen Lecithin, ein grenzflächenaktiver Emulgator der uns die Erstellung einer Emulsion aus Öl und Ethanol ermöglicht und diese stabil hält. Zusätzlich erlaubt diese Emulsion eine erleichterte Aufnahme der Wirkstoffe durch die Darmschleimhäute. Lecithin ist ein zugelassener Lebensmittelzusatzstoff (E322). Zusätzlich verwenden wir Polysorbat 80, einen weiteren Emulgator, der die Stabilität der Lösung erhöht sowie die Bioverfügbarkeit verbessert. Polysorbat 80 wird als Arzneimittelzusatzstoff oftmals genutzt, da es die Permeabilität der Blut-Hirn-Schranke für bestimmte Substanzen erhöht, sprich der Wirkstoff gelangt einfacher ins Nervensystem. Bei Polysorbat 80 handelt es sich ebenfalls um einen zugelassenen Lebensmittelzusatzstoff (E433).

1. Haben wir alle Materialien zusammen kann die Herstellung der Tinktur beginnen. Dazu stellen wir zunächst die Grundlösung aus den vorhandenen Materialien her.

Abbildung 3: fertige Trägerlösung

Abbildung 3: fertige Trägerlösung

Zunächst werden 3g Lecithin in 25ml Ethanol gegeben und durch rühren gelöst. Wir rühren dabei so lange, bis keine weitere Homogenisierung der Lösung festzustellen ist. Anschließend werden 12 ml Sesamöl mit 10 ml Polysorbat 80 vermischt und der alkoholischen Lösung zugegeben. Diese Lösung wird mittels Trichter in die leere Pipettenflasche gefüllt. Sollte sich zu diesem Zeitpunkt noch ungelöste Partikel in der Lösung befinden, schütteln wir so lange, bis wir eine milchige, homogene Lösung erhalten. Diese sollte aussehen wie auf Abbildung 3.

2. Diese lagern wir nun für einige Zeit, bis wir bereit sind, die Cannabinoid-Extraktion durchzuführen. Dabei bietet es sich an, die Lösung zu erwärmen, z.B. in einem kontrollierten Wasserbad. Dadurch wird zum einen die Mischung der bisherigen Komponenten verbessert, zum anderen steigern wir hierdurch den Lösungsgrad der Cannabinoide in der folgenden Extraktion. Die Temperatur des Wasserbades sollte dabei bei etwa 50-60° liegen (handwarm), keinesfalls höher (Siedepunkt von Ethanol: 78°C). Ein Beispiel ist in Abbildung 4 dargestellt.

Abbildung 4: Trägerlösung im Wasserbad

Abbildung 4: Trägerlösung im Wasserbad

3. Um nun anhand unseres selbst erstellten Auszugsmittels die Cannabinoid-Extraktion durchzuführen, müssen wir zunächst einen Zwischenschritt einlegen. Dieser ist die thermische Decarboxylierung der THC-Carbonsäure. Der psychoaktive Hauptwirkstoff THC liegt im Pflanzenmaterial in der Regel als THC-Carbonsäure (THC-COOH) vor; wir möchten nun die organische Säuregruppe von der THC-Carbonsäure abspalten und das THC in seine aktive Form überführen. Dieser Vorgang heißt Decarboxylierung und ist für die Wirkung der Tinktur von zentraler Bedeutung. Während dieser Vorgang beim rauchen, verdampfen oder backen des Pflanzenmaterials automatisch abläuft, führen wir diesen hier manuell durch. Da natürlich die Potenz der Tinktur stark vom Ausgangsmaterial abhängt, bietet es sich an, nur geeignete Cannabis-Blüten zu verwenden; von der Nutzung von Schnittresten etc. würde ich daher absehen.

An dieser Stelle kommen 5g Bedrocan zum Einsatz, dieses ist mittels Ausnahmegenehmigung in der Apotheke bezogen worden und hat einen mittleren THC-Gehalt von 19% (siehe Abbildung 5).

Abbildung 5: Cannabisblüten zur Zerkleinerung

Abbildung 5: Cannabisblüten zur Zerkleinerung

Für die Decarboxylierung heizen wir zunächst den Ofen auf 120 °C bei Umluft vor. Diese Temperatur führt in einer Zeitspanne von 20 Minuten zu einer optimalen Umwandlung ohne unerwünschte Nebeneffekte. Dann zerkleinern wir den Cannabis z.B. anhand eines Messer oder einer Kräuter- oder Kaffeemühle. Letztere ist zu bevorzugen, da sich damit ein wesentlich feineres Ergebnis erzielen lässt; dieses hat direkten Einfluss auf die Potenz unserer Tinktur. Das Ergebnis sieht optimalerweise in etwa aus wie auf Abbildung 6 (Vorsicht, NICHT NIESEN!).

Abbildung 6 zerkleinertes Cannabis

Abbildung 6 zerkleinertes Cannabis

4. Dieses feine Cannabis-Pulver verteilen wir im Anschluss in einer kleinen Auflaufform (dies geht gut mittels eines Pinsels), am besten mit Backpapier, und stellen diese für die genannten 20 Minuten in den Ofen (Abbildung 7).

Abbildung 7: Decarboxylierung im Backofen

Abbildung 7: Decarboxylierung im Backofen

Dieser Vorgang führt zu nicht unerheblicher Geruchsentwicklung, dennoch lässt sich Diese mittels ordentlichen Lüftens auf ein vertretbares Maß reduzieren. Nach den 20 Minuten im Ofen holen wir die Auflaufform heraus und füllen den Cannabis rasch (die Auflaufform ist noch heiß) in ein zum Schütten geeignetes Behältnis. Im Anschluss füllen wir den Cannabis dann mittels eines Trichters in die Flasche mit der vorbereiteten, warmen Lösung (ggf. Zahnstocher zur Hilfe nehmen) (Abbildung 8).

Abbildung 8: Einfüllen des Pflanzenmaterials

Abbildung 8: Einfüllen des Pflanzenmaterials

5. Im Anschluss verschließen wir die Flasche mit dem Schraubdeckel und schütteln die Flasche intermittierend für eine Dauer von etwa 10 Minuten. Eine längere Kontaktzeit ist zur Erzielung des gewünschten Ergebnisses nicht nötig und würde dazu führen, dass mehr unerwünschte Stoffe (z.B. Chlorophyll) gelöst werden. Wir stellen einen Auffangbehälter mit Haarsieb bereit und gießen die pflanzenmaterialhaltige Lösung durch das Sieb in den Becher (Abbildung 9).

Abbildung 9: Ausfiltern des genutzten Pflanzenmaterials

Abbildung 9: Ausfiltern des genutzten Pflanzenmaterials

An dieser Stelle ist es von zentraler Bedeutung, das Pflanzenmaterial wirklich kräftig auszudrücken (z.B. mittels eines Teelöffels) bzw. auszuwringen (z.B. mittels eines Teefilters) um die maximale Ausbeute zu erhalten und die Potenz der Tinktur zu steigern. Zu lange sollte dieser Arbeitsschritt nach Möglichkeit jedoch nicht dauern, da Ethanol flüchtig ist und recht schnell verdampft. Sind wir damit fertig, spülen wir kurz die Pipettenflasche aus, um übrige Pflanzenreste zu entfernen und füllen die Tinktur mittels des Trichters zurück in die Flasche (Abbildung 10).

Abbildung 10: Zurückfüllen der fertigen Tinktur

Abbildung 10: Zurückfüllen der fertigen Tinktur

6. Sollte daraufhin noch Platz in der Flasche sein, kann man an dieser Stelle mit geschmacks-modifizierenden Zusatzstoffen arbeiten. Dieses bietet sich auf Grund des Geschmacks der Tinktur an; dieser ist jedoch auch sonst zu ertragen. Ich habe in diesem Fall eine geringe Menge Likör 43 zugegeben, da ich meine Tropfen im Regelfall mit Milch einnehme. Zu Bedenken ist jedoch, dass wir natürlich die Tinktur damit verdünnen (d.h. die Potenz senken). Das fertige Ergebnis sollte dann in etwa so aussehen wie in Abbildung 11.

Abbildung 11: Fertiger Cannabisextrakt

Abbildung 11: Fertiger Cannabisextrakt

7. Mittels der Tropfpipette lässt sich von nun an eine beliebige Menge Tropfen jedem wässrigen Getränk beigeben, ich bevorzuge, wie gesagt, Milch auf Grund des guten Geschmacks und der zuverlässigen Wirkung. Wie auf Abbildung 12 zu sehen ist, mischt sich die Lösung gut mit der Milch; lediglich feine Schwebstoffe, die unser Haarsieb passiert haben, sind zu erkennen.

Abbildung 12: Tropfen in fettarmer Milch

Abbildung 12: Tropfen in fettarmer Milch

Zur Lagerung: Ich empfehle die Tropfen kühl, lichtgeschützt und trocken zu lagern. Bei mir stehen sie im Kühlschrank, die Homogenität der Lösung bleibt dabei weitestgehend erhalten und lässt sich andernfalls rasch durch Schütteln der Lösung wiederherstellen. Durch den hohen Alkoholanteil wird die Haltbarkeit zusätzlich erhöht.

Zur Dosierung: Die für die erwünschte Wirkung notwendigen Mengen variieren nach individueller Konstitution sowie Konsumerfahrung. Da ich als Cannabis-Patient einen Bedarf von etwa 1g am Tag habe und zudem ein Körpergewicht von 93kg vorweise, liegen die benötigten Dosen bei mir vergleichsweise hoch. Die teilweise im Internet berichteten Dosen von Tropfenzahlen im einstelligen Bereich bei der Verwendung ähnlicher Lösungen sind jedoch unrealistisch. Bei einer Konzentration von 5g in 50ml Auszugsmittel benötige ich etwa 110-120 Tropfen für ein zufriedenstellendes Ergebnis. Daraus ergibt sich eine Dosis von ungefähr 1,3 Tropfen pro Kilogramm Körpergewicht, für eine durchschnittliche 70 Kg schwere Person wären wir also bei gut 90 Tropfen für Konsumerfahrene; Konsumunerfahrene sollten bei etwa der Hälfte beginnen.

Abschließend sei gesagt, dass ich natürlich keinerlei Haftung für Selbstexperimente, Überdosierungen etc. übernehmen kann; mittel- bis langfristig dürfte es zumindest auf Basis der verwendeten Auszugslösung keinerlei unerwünschten Wirkungen geben. Für die Zukunft plane ich eine Testreihe mit Glycerol statt Ethanol als Alkohol (geeignet für Kinder, Alkoholiker..), dies sollte theoretisch auch funktionieren. Ich wünsche jedem experimentierfreudigen Patienten viel Spaß beim Ausprobieren!

Przepo

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